Weihnachten mal anders – Aserbaidschan Dez 2010

23.12. -29.12.2010

 

1., (Nachtzug nach) Baku

2., Jeep-Tour durch den Kaukasus (Wasserfall, Ortschaften)

3., Ausflug Schlammvulkane

4., Rückreise (Nachtzug nach) Tbilisi

 

„Dieses Jahr wird Weihnachten nicht in Deutschland gefeiert!“, sagte ich mir noch an Silvester im vergangenen Jahr. „Denn wenn ich im Ausland bin, dann werd` ich richtig dort sein und nicht für Weihnachten heimreisen.“ An diesen Vorsatz habe ich mich gehalten und darum ging es mit Christof und Markus (den „Weltis“) nach Azerbaidjan. Da wir uns jedoch viel zu spät (wie kann`s auch anders sein) um das Visum gekümmert haben, wäre unser Vorhaben fast an bürokratischen Elementen (man glaubt es kaum) gescheitert. Doch zum Glück ist Tbilisi klein, man kennt sich und es wird schnell für einen etwas geregelt. Zufälle sind hier schon überpräsent und werden fast schon in das Tagesgeschehen miteinkalkuliert –aber dazu werde ich mich noch an anderer Stelle genauer äußern 😉 Wie dem auch sei, das Visum und ein Zugticket für die Nachtfahrt nach Baku haben wir erhalten und es konnte endlich losgehen!

Am Bahnhof eine Stunde zu früh gewesen, machten wir es uns in unserem Business-Zugabteil gemütlich und kauften für die lange Fahrt sicherheitshalber noch eine Flasche Wein. Allein bei diesem Vorhaben hingen schon fünf bettelnde Kinder und Frauen an mir und ließen sich wie Sekundenkleber (nämlich so ziemlich gar) nicht mehr entfernen. Die Nachtzugfahrten sind ein tolles Erlebnis, was ich einem jeden nur empfehlen kann, der im Kaukasus unterwegs ist. Zwar kann man auch von mehr als unfreundlichen Bahnmenschen „betreut“ werden, aber diese Unfreundlichkeit ist man ja schon von der Deutschen Bahn gewohnt. Besonders erwähnenswert ist an dieser Stelle unsere Grenzerfahrung, die wir gemacht haben. Erst eine Stunde an der georgischen Grenze, um dann nochmal anderthalb Stunden an der aserbaidschanischen Grenze warten zu dürfen. Und für was? Für die Kontrolle von Militärsmenschen, die so ziemlich kein Wort Englisch sprachen und uns mit Händen und Füßen zu erklären versuchten, was sie wollten. Erst wurde intensiv das Geld in jedem Geldbeutel durchforstet, wodurch ich gleich dachte, wir sollen ihnen Schmiergeld geben. Davor wurde ich nämlich gewarnt! Und dann ging es an die Bücher, die wir dabei hatten. In aller Intensität wurde der Lonely Planet durchgestöbert. Und das obwohl die Militäris ja kein Wort Englisch verstanden… Im Nachhinein wurde uns mitgeteilt, dass es darum ging, zu schauen wie viel Geld wir mit uns tragen. Das hat anscheinend seine Grenzen und Bestimmungen. Der Lonely Planet ist in Aserbaidschan wohl alles andere als beliebt, wodurch es durchaus vorkommen kann deswegen (!!!) nicht einreisen zu dürfen. Verrückte Welt! Dann wurde uns noch ein Zettel auf Russisch zum Ausfüllen in die Hand gedrückt. Eine einzige Katastrophe! Doch zum Glück hat unsere Hilfslosigkeit und Verlorenheit eine nette Aserbaidschanerin angezogen, die flüssig Englisch sprach und das Ausfüllen übernahm. Von ihr erhielten wir auch gleich ein paar Tipps für unseren Aufenthalt in Baku. Nette Frau! Sie hat uns auch am nächsten Tag geholfen in unsere Unterkunft zu finden. Ach, was wären nur die verlorenen Deutschen ohne so wunderbar hilfsbereite Menschen! 😉

So kamen wir in Andrejs und Wusalas WG inmitten der Altstadt Bakus an und haben uns natürlich erst mal frisch gemacht und herausgeputzt. Schließlich war ja schon Weihnachten! Nach einem leckeren Zucchini-Mahl (mmmhhhh!), einigen Weihnachtsmails und -grüßen haben wir uns einen ersten Eindruck der Stadt verschaffen und sind all überall herumgelaufen. Dabei waren Andrej und später auch Jean Baptiste unsere Reiseführer, die uns viel Interessantes mitteilen konnten. So hat zum Beispiel die Altstadt Bakus ihren UNESCO-Weltkulturerbe-Status verloren, da die Frau des Präsidenten inmitten der Altstadt ein neues Hotel hinzimmern muss und dafür einen Teil der Altstadt natürlich Platz räumen musste. Da kann man sich ja nur an den Kopf fassen!

Abends haben wir uns dann mit zwei aserbaidschanischen Mädels getroffen, die wir schon vom Couchsurfen aus Tbilissi kannten. Dann ging es erst mal was essen, dann auf eine der schlechtesten Partys ever (ich sag nur: The Fast and the Furious für Arme im Parkhaus) und dann in die Room-Bar, die uns schon empfohlen wurde. Dort gab es um die zehn Sabrinis und andere Leckereien zu trinken. Was das ist „Sabrinis“? Wie immer wollten Christof und ich gerne White Russians trinken. Dieser Cocktail war der Barfrau aber nicht bekannt. Also hab ich ihr erklärt wie das geht (in dem Fall eine abgewandelte Form mit Kaffeelikör, leider keinem Kahlua). So schickte sie jemanden Milch holen, ich wurde hinter die Theke gebeten und los ging’s. Da parallel dazu auch noch ein gutes Konzert lief und es natürlich Weihnachten war, haben wir richtig gut abgefeiert! Das ging dann soweit, dass wir am Ende eine Rechnung von 135 Manat (~Euro) hatten. Kein Wunder, wir haben auch kein einziges Mal gefragt, wie viel denn ein Sabrini überhaupt kostet… Zum Glück konnten wir solange rumdiskutieren bis wir „nur noch“ 85 Manat zahlen mussten. Um das zu verkraften, mussten wir natürlich zurück in der WG weiterfeiern 😉

Völlig zerstört ging dann allerdings unser Wecker drei Stunden später. Warum? Gute Frage! Am nächsten Morgen ging es auf eine Jeep-Tour mit Andrej, Wusala, Jean Baptiste und Florian und natürlich uns drei Helden vom Erdbeerfeld. Völlig zerstört ging es ab in die Berge. Und dieses Erlebnis lässt sich kaum in Worte fassen. Da empfiehlt es sich an dieser Stelle, sich einfach nur Eindruck über die tausende Bilder zu machen. Die sprechen schon für sich! Einen Wasserfall entdecken, mit dem Jeep steile Abhänge hinunterfahren, Flüsse und Eis überqueren, mehr als instabile Brücken passieren… all das, ließ mein Herz einige Male höher schlagen als gewöhnlich! Keine Ahnung wie es dem Fahrer dabei erging, aber ich habe hier und da einen guten Adrenalin-Schub erhalten!

In mehr als 2000 Meter Höhe und nach stundenlanger Fahrerei und Entdeckerei stellte sich irgendwann natürlich die Frage nach einer Unterkunft und vor allem nach Essen. Komischerweise gibt es nämlich in solcher Höhe noch keinen McDonald’s… Und so nahm Andrej das Ganze in die Hand: Nämlich via Homestay! Und was bedeutet das? Nette Menschen im Dorf werden angesprochen und gefragt, ob wir bei ihnen zu Hause nächtigen dürfen. Und so wurden wir sieben von einem netten Herren in sein Heim aufgenommen. Zuerst gab es lecker Tee und im Anschluss daran leckere Verköstigungen. Selbstgemachtes Brot, selbstgemachter Käse, eingelegte Tomaten, Reis mit Gemüse… einfach nur lecker und genau richtig für diesen Moment! Interessant an dieser Erfahrung war einiges: 1., waren wir die ersten Ausländer, die jemals in diesem Dorf nächtigten, 2., durften Frauen (also Wusala und ich) nicht mit dem Gastgeber reden, 3., durfte man erst dann trinken oder essen, wenn der Gastgeber angefangen hat, 4., durfte ich nicht rauchen oder trinken. Warum? Weil ich eine Frau bin und es schon als schlampig gilt, überhaupt unverheiratet mit so vielen Männern herumzufahren. Aber man gewöhnt sich schnell an diese kulturellen Andersartigkeiten und passt sich natürlich für den Moment an. Weiterhin erwähnenswert: Ein Plumpsklo im Freien und ein 100 Jahre altes Haus aus Lehm. Fließend Warmwasser oder ähnliches war in dem Dorf nicht vorhanden. Sprich: Ein ganz anderes Leben als wir es gewohnt sind! Aber gleichzeitig eine der schönsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Ein kleines Dorf in aller Ruhe und Friedlichkeit, mit offenen Menschen und Herzlichkeit sowie mit einem Sternenhimmel, wie ich ihn zuvor noch nie gesehen habe. Sehr liberal war von den Gastgebern, dass wir Mädels mit den Männern in einem Raum nächtigen durften. Das ist nämlich eigentlich nicht gestattet. Besonders nett war, dass wir ein Zimmer voller Matratzen, Decken und Kissen gerichtet bekamen. Anders wäre ich wohl in dieser Nacht zu einem Eiszapfen geworden. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel gefroren!

So konnten wir einigermaßen erholt am nächsten Morgen um 7 Uhr (!!!) aufstehen und den Sonnenaufgang genießen. Mit Frühstück gestärkt ging es weiter in die Berge bis wir schließlich an einem Dorf angelangten, von welchem wir aus versuchen wollten, den russischen Pass zu überwinden. Da haben uns aber mal wieder ein paar Militäris einen Strich durch die Rechnung gemacht! Das hat also nicht geklappt und dass trotz Diplomanten-Auto… Stattdessen beschlossen wir auf circa 2.800 Meter hochzuwandern und den Ausblick zu genießen. Wer mich kennt, weiß an dieser Stelle, dass ich ab einem bestimmten Punkt nur noch am jammern war… was natürlich dazu führte, dass mich Markus und Christof hier und da Huckepack bei 20%-Steigung tragen durften. Was bin ich doch für ein netter Mensch 😉 Der Ausblick und unser Belohnungsbier haben sich mehr als gelohnt und dem Tag eine perfekte Krönung verliehen! Völlig zufrieden konnte es damit wieder zurück nach Baku gehen…

Der Tag klang damit aus, dass wir uns fresh machten und auf ein Neues in die Stadt gingen. Schließlich war ja immer noch Weihnachten! 😉

Am nächsten Tag gingen Christof, Markus und ich dann los zu den berühmten Schlammvulkanen Aserbaidschans, die wohl weltweit einzigartig sind. Diese Reise war aber gar nicht so einfach ohne jegliche Aserbaidschan-Sprachkenntnisse. Aber wie kann‘s auch anders sein, Körpersprache klappt einfach immer. An einer Tankstelle irgendwo im Nirgendwo angelangt, war ich mir schon mehr als sicher, dass wir falsch seien… Aber auch die Aserbaidschaner interessieren sich sofort für Ausländeris und boten uns ihre Hilfe an. So kam es, dass sich ein netter Herr erbarmte und uns ans Meer fuhr (einen zwei bis drei Kilometer Weg). Dann mussten wir erst mal ein leckeres Frühstück am Meer genießen, dessen Strand fast ausschließlich aus Muscheln bestand. Baden ist natürlich keiner von uns gegangen, obwohl wir es uns alle drei festvorgenommen hatten. Aber das war mehr als zu kalt! Nun stellte sich nur noch die Frage, wo denn die Schlammvulkane seien? Von unserem Standpunkt aus waren nur ein paar Bergis zu sehen. Also beschlossen wir uns auf Entdeckungsreise zu gehen und die Berge hochzuklettern –darin waren wir ja inzwischen schon Profis. Und siehe da! Man glaubt es kaum! Eine Reihe an Schlammvulkanen! Genießt die Bilder und die Videos! An dieser Stelle kam man sich vor wie auf einem Abenteuerspielplatz! Wäre es 10°C wärmer gewesen, so hätten wir wohl in Bademontur im Schlamm gespielt und wären danach ab ins Meer! Einen solchen Ausflug kann ich einem jeden nur empfehlen! Danach ging es über die Steppe querfeldein die drei Kilometer zurück, Daumen raus und Abfahrt! Abends etwas erschöpft in Baku angekommen, ging es natürlich erneut in die Stadt. Wie soll’s auch anders sein!

Dementsprechend haben wir am nächsten Tag ruhig gemacht und sind nochmal gemütlich in der Stadt herumgelaufen. Auf diesem Wege wurden wir mehrmals von Militärsmenschen angequatscht und gebeten ihnen soeben gemachte Bilder zu zeigen. Keine Ahnung warum, aber bestimmte Bilder hätten wir wohl löschen müssen. Na ja, Aserbaidschan: Bye Bye Demokraty, welcome Oligarchy! Jedenfalls war der Stadtrundgang auch nochmal mehr als interessant! Diesen ließen wir mit heißer Schokolade und Shisha-Rauchen in einer wunderbaren Arabica-Lounge ausklingen. Na ja, nicht ganz. Spontan wollten wir unbedingt noch ins „Strangers“, einem Pub, an welchem wir jeden Tag vorbeigelaufen sind, aber nie drin waren. So wurde es doch endlich an der Zeit! Was da dann ablief, erwähne ich wohl lieber nicht an dieser Stelle… Auf alle Fälle hätten wir deswegen fast unseren Zug verpasst. So mussten alle Sachen querbeet in die Rucksäcke geschmissen werden. Richtig Verabschieden konnten wir uns auch nicht mehr. Stattdessen rannten wir mit Jean Baptiste durch die halbe Stadt zum Bahnhof, um völlig erschöpft und nassgeschwitzt in einen bereits fahrenden Zug einzuspringen! Eine mehr als filmreife Szene! Dieser Nachtzug glich dann gar nicht mehr dem Komfort, welchen wir von der Hinfahrt gewohnt waren. Offene Schlafabteile mit jeder Menge Menschen, die uns (verständlicherweise) anstarrten. Kein Plan von nichts dauerte es ein Weilchen, bis wir auch unseren Platz gefunden hatten. Natürlich musste es dann so kommen, wie ich es immer befürchtet habe… Ich Dussel verliere meine 250 € Kontaktlinse im Abteil… Nach stundenlanger Suche haben wir sie aufgegeben und uns frustbetrunken. Das war bitter nötig! Ein Glück waren Christof und Markus solidarisch mit mir traurig, sonst wäre ich an dieser Stelle wohl völlig ausgerastet… (Unbedingt erwähnenswert: Am nächsten Tag habe ich die Linse -Gott sei Dank- in meinem Kosmetikbeutel wiedergefunden! Happy, happy, happy! J ) So sind wir völlig erschöpft im schönen Tbilissi angekommen und die Reise war leider zu Ende… Das ist das schlimme an Urlauben: Sie sind manchmal so unglaublich schön und so perfekt, dass man das Gefühl, was man in dieser Zeit hatte, nur sehr schwer wieder ablegen kann… L Noch schwieriger ist das, wenn im Zuhause viele, viele Gäste auf einen warten und die Reise in Tbilissi weitergehen soll… Dafür gab es jedoch eine megamäßig tolle Silvesterfeierei mit jeden Mengen neuen Leuten, die bis morgens um 8 Uhr anhielt und fast im Marriott geendet ist. Was das zu bedeuten hat, behalte ich mal lieber für mich und lass euch darüber grübeln 😉 Auf alle Fälle eine superfantastische Nacht, die ein optimaler Start fürs Jahr 2011 dargestellt hat!

 

[Was ich in meinem doch mal wieder sehr langen Berichti vergessen habe zu erwähnen, was aber sehr erwähnenswert ist, ist ein Mann, der niemals schlief… Und das war der Mann im Supermarkt nebenan. Ich verspreche euch, dass dieser Mann in den ganzen Tagen, an welchen wir da waren, keine Minute gepennt hat. Wie ich darauf komme? 1., hat er jederzeit eine Sonnenbrille getragen, 2., sah er aus wie von Matrix und 3., waren wir mindestens dreimal am Tag dort einkaufen und das zu den verrücktesten Uhrzeiten, die alles andere als normal waren, und immer wieder trafen wir auf ihn! Wohlbemerkt: Es war ein 24-Stunden-Supermarkt! Krasser Mensch! Entweder ein Matrix-Typ oder ein Untoter… aber auf keinen Fall ein menschliches Wesen 😉 ]

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  1. Trackback: RT @astielau: Dieser Feiertag ist in deinem Bundesland leider nicht verfügbar. | The America News

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