Teil II: N-Z

Das kleine ABC der interkulturellen Besonderheiten

(und natürlich auch unerwartete Gemeinsamkeiten)

von Geormany und Gergien


 Teil II:  N – Z

Hier nun endlich der zweite Teil meines kleinen ABCs der kulturellen Besonderheiten Georgiens. Auch an dieser Stelle möchte ich noch einmal darauf aufmerksam machen, dass der nachstehende Inhalt mit einem Augenzwinkern betrachtet werden sollte und nicht als vollständige Wahrheit aufgefasst werden kann. Meine Eindrücke setzen sich aus Erzählungen oder eigenen Erfahrungen und Beobachtungen zusammen –also gilt mein ABC als rein subjektiver Bericht, um auch euch eine Vorstellung über Georgiens Kultur geben zu können. Dabei wünsche ich euch viel Spaß! 🙂

(Info: Auch beim zweiten Teil veröffentliche ich nur einen Auszug dessen, was ich alles über die kulturellen Besonderheiten Georgiens verfasst habe. Bei Interesse kann ich euch noch mehr zukommen lassen.)

 

N wie Namen.

Namen: Wie in jedem Land und Sprachraum gibt es auch hier typische georgische Namen, die einem überall begegnen. Beispiele hierfür sind die folgenden Frauen- und Männernamen. Zu ersterem zählen: Nino, Keti, Eka, Lika, Mari und Salome. Zu zweitem zählen: Giorgi und Irakli, welche ich beide als äußerst amüsant empfinde, des Weiteren Dawit, Kote und Lasha. Vergleichsweise typische deutsche Namen unter der jüngeren Generation: Lena, Lisa, Hanna, Sophie und Laura sowie Thomas, Andreas, Jonas, Christoph und Daniel. Diesen Namen begegnet man garantiert regelmäßig und damit mehr als nur einmal im Leben. So kann es durchaus vorkommen, dass man innerhalb von vier Wochen drei verschiedene Likas oder Hannas im Handy gespeichert hat. Dann kann man nur noch auf verschiedene beginnende Nachnamen hoffen, um die Likas und Hannas voneinander unterscheiden zu können…

 

 

O wie Öffnungszeiten.

Öffnungszeiten: Feste Zeiten, in welchen die Geschäfte offen haben, gibt es hier nicht. Das Büdchen und jegliche andere Lädchen machen auf, wann sie wollen und sind geöffnet solange sie wollen. Das ist natürlich optimal, denn so kann auch noch nachts bzw. morgens um 5 Uhr eingekauft werden. So wird natürlich auch keine Party auf dem Trockenen liegen. Besonders amüsant sind die Öffnungszeiten von unserem sehr geschätzten McDonald’s, welcher es sogar geschafft hat, sich in Georgien zu etablieren: 24 h, rund um die Uhr, 7 Tage die Woche. Dies ist aber gar nicht so: In einer Stunde, welche gerne variiert, kann man nur Essen am Drive In erwerben. Dies ist natürlich sehr vergnüglich, wenn zig Georgier morgens schön verschoben am Drive In Autogeräusche nachmachen, um an Essen zu gelangen –dabei kann man doch auch einfach an die nächste georgische Bäckerei laufen, welche garantiert schon fleißig am backen ist und guten Ofenbrot genießen.

 

P wie „Planung“, Polizei und Parksupervisor.

Planung: Gibt es nur in sehr geringem Maß. Stattdessen gilt: Komm ich heut‘ nicht, komm ich morgen. Ganz meine Meinung! Davon brauchen wir mehr in Deutschland. Manchmal muss man einfach anerkennen, dass sich nicht alles bis ins kleinste Detail planen lässt. Dann hauen einen auch die Dinge, die schief laufen, nicht mehr völlig aus den Socken. Im Gegenteil: Man ist dann besser in der Lage darauf zu reagieren und damit klarzukommen, dass nicht immer alles perfekt ablaufen kann. Ein passendes Zitat von Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“: „Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall.“

 

Polizei: Findet sich auf jedem freien Quadratmeter an. Auch in den hinterlegendsten Provinzen gibt es eine Polizeistation –auch wenn solche Gegenden den Anschein erwecken, dass dort nicht einmal Menschen leben und es somit auch keine Verbrechen geben kann, haben sie ein Gebäude von nicht gerade pragmatischer Größe. Anders als in Deutschland bekommt man hier durch die Omnipräsenz der Polizei kein Gefühl der Einschüchterung vermittelt. Im Gegenteil. Die Polizisten wirken sympathisch und man fühlt sich durch ihre Anwesenheit in keinster Weise bedroht. Stattdessen laufen sie neben einen umher, unterhalten sich menschlich (!) mit ihren Mitmenschen, schauen auch mal gut aussehenden Frauen hinterher –eben alles andere als autoritäre Bedrohungsgestalten. Und dennoch fühlt man sich sicher und geschützt. Komisch ist es zwar schon, wenn zwei Polizisten an der Haustür klopfen und man sich für einen kurzen Moment fragt, was diese nun von einem wollen. Dann passiert aber genau das Gegenteil der schlimmsten Befürchtung und sie drücken einem einen Flyer in die Hand, quatschen einen auf Georgisch voll und im Nachhinein findet man heraus, dass man zu einer Eröffnung für eine neue Polizeistation eingeladen wurde. Das kann eben durchaus vorkommen! J

Vom Hören und Sagen wurden die Polizisten in den vergangenen Jahren regelrecht ausgetauscht –während damals mehr wohlgeformte Herren der Ordnung für die Einhaltung des Rechts gesorgt haben, sind nunmehr primär junge, trainierte Herren auf Georgiens Straßen unterwegs. Was die Polizei hier wirklich charakterisiert und was man schnell misst, wenn man wieder außerhalb Georgiens ist, sind ihre Ansagen aus dem Polizeiwagen heraus. Erstens fährt die Polizei hier immer mit rot-blau, abwechselnd leuchtendem Licht umher. Und zweitens plappern sie ständig irgendwelche Aussagen aus ihrem Wagen heraus. Dann fahren sie kurz einem Auto fast hinten auf und beschweren sich dann über dessen Fahrstil –aber so, dass es auch der letzte in der obersten hintersten Wohnung des nächststehenden Hauses hört.

 

Parksupervisor: Sind Personen, welche auf Gehwegen oder an Straßenrändern stehen und ein angefahrenes Auto in den letzten freien Quadratmeter lotzen. Nicht immer stehen die Parksupervisor an berechtigten Stellen, an welchen es unmöglich wäre ohne ihre Hilfe einzuparken. Dann kann es vorkommen, dass sie am Rand einer Straße oder auf einer Parkfläche stehen, welche fast vollständig leer und dementsprechend einfach zu beparken ist. Aber stehen sie erst einmal in der Nähe eines Parkplatzes, so ist es unerlässlich ihnen Geld für ihre Hilfe zu geben. Dies ist vor allem dann berechtigt, wenn sie Autos kreuz und quer parken lassen, dadurch am Ende aber fünf mehr Autos Platz finden als es ohne deren Hilfe möglich gewesen wäre. Dann bedankt man sich auch nur zu gerne mit ein paar Lari nach der Parkeinweisung.

 

Q wie Qualm.

Qualm: Es lassen sich nur zwischen zwei Arten von Qualm unterscheiden: Zigarettenqualm und Qualm, der aus dem Verbrennen von Gegenständen herstammt. Beides ist in Georgien des Öfteren sicht- und riechbar. Erst genanntes ist überall dort, wo geraucht wird. Also an jedem Ort außer in Kirchen oder in Metrostationen. Zweit genanntes findet sich vor allem auf offener Straße und in Parks, in welchen zusammengekehrte Laub- und Müllhaufen angezündet und verbrannt werden. Wie der Qualmgeruch dann tatsächlich riecht, will man wirklich nicht in Worte fassen.

 

 

R wie Rauchen und Recyceln.

Rauchen: Georgien ist das Paradies für passionierte Raucher. Warum? Erstens kostet eine Schachtel Zigaretten im Schnitt 1€, wobei es auch noch günstigere Marken gibt. Zweitens darf und kann man in Georgien fast überall rauchen. Ausnahmen sind Kirchen, sakrale Denkmäler und Gedenkstätten, Metro-Stationen und natürlich Krankenhäuser. Nach Gefühl raucht jede dritte Person in Georgien. Das schafft natürlich ein Zugehörigkeits- und Gruppengefühl, zumal man für sein Laster nicht wie in Deutschland von der Gesellschaft negativ sanktioniert und am liebsten desintegriert werden würde. Auch findet sich in Kneipen, Restaurants, Bars und sonstigen Einrichtungen des kulinarischen Genusses ein gesonderter Raucherservice: Der Aschenbecher wird nach jeder Zigarette geleert. Sitzt man im Freien, so werden nasse Servietten in den Aschenauffänger gelegt, damit einem die Asche nicht ins Gesicht weht. Wie gesagt: Georgien ist ein Raucher-Paradies!

 

Recyceln: Soweit mir bekannt und nach der Offensichtlichkeit des Abfallverhaltens gibt es in Georgien kein ausgeprägtes, strukturiertes Recycling-System. Für Flaschen jeglicher Art gibt es kein Pfand. Stattdessen werden sie mit etwaigem, anderen produzierten Müll gemeinsam in die Tonne gehauen. Was der Zusammenwurf aller erdenklichen Abfallarten erspart, sind verschiedene Behälter für unterschiedliche Flaschen- oder Müllarten. Das penible Sortieren von Abfall wie man es aus Deutschland gewohnt ist, kann man sich ersparen. Der Kopf wird nicht unnötig zerbrochen, sondern alles wird zusammen in eine Tonne getan. Und wer weiß, vielleicht ist dieses in Georgien praktizierte Abfallverhalten zwar das einfachere, aber auch das bessere?

 

 

S wie Style, Sprache und Schrift.

Style: Würde das Aussehen und das Auftreten einer Person keine zentrale Rolle in Georgien spielen, so gäbe es nicht ständig irgendwelche Fashionshows und -weeks. Der Style der Georgier kennzeichnet sich durch einen schlichten Stil mit Schwarz und Grau als dominierende Farbkombination. Bunt, auffällig und skurril sind hier eher fremde Begrifflichkeiten. Stattdessen herrscht eine Casual-Eleganz, insbesondere unter den weiblichen Personen. Diese tragen gerne auch Schuhe, die man sonst nur auf Laufstegen oder im Fernsehen sehen würde: Unter 10cm Absatz geht hier nichts. Und früh übt sich: So kann es auch vorkommen, dass die kleinen Damen in der 5. Klasse bereits mit hohen Absätzen in der Schule herumstolzieren. Es kann aber auch der Fall sein, dass Frauen nach 20 Jahren Highheels-Tragen vom Arzt gesagt bekommen, dass sich ihr Fuß so verformt hat, dass sie nun keine anderen Schuhformen mehr tragen können. Aber wie heißt es doch so schön? Wer schön sein will, muss leiden. Aber nicht nur das. Man darf auch eine jede Menge Geld zahlen, wenn man versucht ist sich Schuhe zu kaufen. Das ist eine fast unmögliche Mission, die es kaum zu bewältigen gibt –vor allem dann, wenn man Schuhgröße 39 hat und nach einem simplen Stil von Schuh sucht. Für ersteres darf man sich belächeln lassen (genauer gesagt für die großen Füße) und für zweites darf man jede Menge Geld hinlegen.

Doch nicht nur das weibliche Geschlecht ist sehr auf sein Äußeres bedacht, auch die Männer legen sich ganz schön ins Zeug. Insbesondere der Style der Jugendlichen ist erwähnenswert. Neben Turnbeuteln werden sie von Lederjacken und Ganzkörper-schwarze-Kleidung geziert. Warum Turnbeutel? Diese sind heute der neue Rucksack der Jugend. Ein jeder hat einen und ein jeder läuft damit rum. So bekommt in Georgien der Begriff „Turnbeutelvergesser“ eine ganz neue Bedeutung.

Besonders amüsant ist nicht nur der Anblick der Jugendlichen, sondern vor allem ihr Verhalten und Auftreten im Rahmen ihres Looks. Dieser gleicht nämlich dem von John Travolta in dem sehr bekannten Film „Greace“. So umwerben die Jungs dementsprechend männlich wie sie sind die jungen Damen der Schule, welche sich zwar eher durch einen Coco-Chanel-Style kennzeichnen, in die Szenerie des Filmes aber trotzdem außerordentlich passen.

 

Sprache und Schrift: Sind etwas ganz besonderes in Georgien. Es ist wirklich bewundernswert, dass ein solch kleines Land mit so wenigen Einwohnern ihre eigene Sprache und ihre eigene Schrift aufrechterhält, obwohl jeder Georgier auch der russischen Sprache mächtig ist. Womöglich ist dies ein klares Symbol für die Abgrenzung von Russland und der ehemaligen Sowjetunion. So ist es auch kaum verwunderlich, dass im Zuge der zunehmenden Westorientierung immer mehr Englisch in der Schule gelehrt wird. Ab diesem Schuljahr soll nicht mehr Russisch die erste Fremdsprache sein, welche die Schüler lernen, sondern Englisch. Hierfür gibt es auch ein spezielles Programm, mit welchem „native speaker“ an die Schule geholt werden, damit diese den Kindern möglichst gutes Englisch beibringen. Besonders bemerkenswert ist die Sprachtalentiertheit der Georgier. Diese sprechen mehrere Sprachen nahezu fließend. Neben ihrer georgischen Muttersprache lernen sie Russisch quasi als Zweitmuttersprache, weiterhin beliebt ist (in eben meiner Schule) Deutsch. Dieses wird ebenfalls auf einem unglaublich hohen Niveau gelernt. Privat geht es dann noch in den Englisch- und/ oder Persisch-Unterricht. Damit sind die Georgier in der Lage mindestens drei verschiedene Schriften zu lesen und zu schreiben sowie drei verschiedene Sprachen zu nutzen. Von dieser Motivation eine andere Sprache zu erlernen, könnte sich ein jeder Amerikaner wie auch Deutscher eine Scheibe abschneiden… So könnte man doch Georgisch in den amerikanischen Unterricht integrieren, wodurch man Malen nach Zahlen und Sprachlernen miteinander kombinieren könnte. Das georgische Alphabet und insbesondere die Schrift lassen sich nämlich nicht gerade einfach erlernen und schreiben. Dafür muss man sehr geduldig sein und im wahrsten Sinne des Wortes ein ruhiges Händchen haben. Der Lohn ist aber groß, denn einfach jeder geschriebene Satz sieht am Ende wunderschön und wie gemalt aus! Allein das macht schon Spaß. Und wenn man dann noch in der Lage ist mit dem Taxifahrer oder dem Brotverkäufer von neben an einen Small Talk zu führen, leuchten deren Auge und die Freude ist groß. In diesem Moment merkt man, dass es sich doch schon gelohnt hat Georgisch zu lernen.

 

 

T wie Taxi, Toiletten und Traditionen.

Taxi: Ist eine der interessantesten und amüsantesten interkulturellen Begegnungen, die man in Georgien machen kann. Bis Ende 2010 galt bei einer Taxifahrt keine Anschnallpflicht weder für den Fahrer noch für die Beifahrenden. Hat sich der ungewohnte europäische Fahrgast dennoch aus Sichherheitsbewusstsein angeschnallt, galt das für den Taxifahrer oftmals als Beleidigung seiner Ehre. Dies hat sich jedoch zwanghaft verändert, da seit Beginn 2011 eine allgemeine Anschnallplficht für Fahrer und vorderen Beifahrer gilt. Daran wird sich auch streng gehalten, denn die Kontrollen verlangen hohe Geldstrafen bei Verstoß ab. Wirklich schade zu wissen ist, dass häufig Professoren Taxi fahren, um ihr universitätes Gehalt auszubessern. Sie verdienen so wenig in ihrem Job, dass sie gezwungen sind daneben noch einen Taxiservice anzubieten. Allein deswegen lohnt es sich, Georgisch zu können, sich mit den Profs zu unterhalten und ihre Lebensgeschichte zu erfahren, die in der Regel sehr interessant ist. Gerade dann sollte man auch nicht an dem sowieso sehr geringen Fahrpreis schrauben, sondern bereit sein diesen zu zahlen. So verdient eine Putzfrau in Deutschland wesentlich mehr als ein Professor an einer Hochschule in Georgien!

Aber nicht alle Taxifahrer haben einen solch interessanten Hintergrund. Manchmal wird man auch von sehr traurigene Schicksalen in der Stadt umher gefahren. So z.B. ein Taxifahrer, für welchen ich mich nach der Rückkehr von Batumi nachts in der Eile entschieden habe. Als er mir den Rucksack nicht abnehmen wollte, fasste ich das schon wieder als Frauen-Diskriminierung auf, die mir zuvor in Batumi widerfahren war. Als ich ihm dann trotzig den Rucksack entgegendrückte und er ihn widerwillig und sehr unbeholfen in den Kofferraum legte, fiel mir erst bei der Fahrt auf, dass der Fahrer nur einen Arm hatte. Der hat ja Nerven! Dann fehlt ihm zwar der rechte Arm zum Schalten, dennoch wird beim Fahren geraucht und zeitweise telefoniert. Behindertegerechte Autos findet man hier kaum vor bzw. kosten ein halbes Vermögen –und wie man merkt: Heil angekommen bin ich trotzdem. Ein Wunder!

Taxifahrer sind wirklich ein interessantes Völkchen: Kann man sich auch nur ein wenig mit ihnen verständigen, sind sie überglücklich und meist auch bereit den Preis zu senken. Vor allem sind sie sehr hilfsbereit. So gab es einen Taxifahrer, der sich gerne mehr mit mir unterhalten hätte. Deswegen rief er eine Bekannte an, die Englisch sprach und ließ diese dolmetschen. Es entstand ein Dreiergespräch der anderen Art. Das Resultat: Er bot mir seine Hilfe an, mir alles in der Stadt zu zeigen, was mich interessiert und mir immer zu helfen, wenn ich mal nicht weiter weiß. Sehr nettes Angebot! Bei aller Schätzung… die Nummer hab ich ihm dennoch nicht gegeben…

 

Toiletten: Stellen meist eine Begegnung der anderen Art dar… Das ist nun wirklich nicht jedermanns Sache. An erster Stelle sind die in den Boden integrierten Lochtoiletten. Diese gibt es in allen möglichen Variationen: Mal mit Spülung, mal ohne, mal mit Tür, mal ohne, mal mit Licht, mal ohne. Da kann es schonmal vorkommen, dass man sich auf diese Toilette begibt, jedoch weit und breit kein Toilettenpapier und keine Spülung vorzufinden ist. Da muss man kreativ sein. Manchmal gibt es Schläuche, die man am Wasserhahn befestigen kann, um dann manuell zu spülen. Es kann aber auch mal wieder kein Wasser vorhanden sein und das Geschäft eines jeden sammelt sich in dem Loch –ein äußerst schmackhafter Geruch. Sollte man ein größeres Geschäft planen, empfiehlt es sich zuvor die Spülung auf ihre Tauglichkeit zu prüfen. Besonders häufig muss man an seine Grenzen gehen, wenn man an Rastplätzen eine Toilette aufsucht –dies kennt man ja auch schon aus Tschörmänie. Dann kann es sein, dass man auf komplett verdreckte Toiletten gehen muss, die kaum noch dreckiger sein können. Meist muss man hierfür auch noch Geld zahlen. Wenn man Pech hat, befindet sich keine Tür an den Toiletten und man sieht den Damen in der Schlange beim Geschäftverrichten zu oder unterhält sich sogar dabei mit ihnen. Hier muss man wahrhaftig den sonst gewohnten hohen Hygiene- und Anonymitätsstandard aus Deutschland ablegen und sich den Gegebenheiten fügen –denn wer muss, der muss. Zwar trainiert man sich schon fleißig (z.B. in der Schule innerhalb von sechs Stunden) einen Toilettengang vermeiden zu können (u.a. bedeutet das der Verzicht auf Kaffee oder sonstige Flüssigkeiten…), aber manchmal ist dieser einfach unerlässlich. Denn Blasenschmerzen sind wirklich etwas unangenehmes… Dann muss man über seinen Schatten springen und am besten immer Desinfektionsgel in der Tasche mit sich haben. Besonders fatal sind bei solchen Toiletten offene Schuhe. Am besten bei längeren Marschrutka-Fahrten auf FlipFlops verzichten oder im Freien pinkeln gehen.

 

Traditionen: Spielen in dem orthodoxen Land noch immer eine sehr zentrale Rolle innerhalb der georgischen Kultur. Man sollte sich vorzeitig darüber informieren und sich diesen gegebenenfalls anpassen. Hierzu zählt z.B. das Unterlassen von lauter Schneuzerei in der Öffentlichkeit. Man begegnet georgischen Traditionen überall. Es kann das Mann-Frau-Verhältnis betreffen oder sich in georgischen Tanz sowie Gesang wiederfinden. Viele Traditionen leitet sich aus Georgiens Religiösität ab, manche verlieren jedoch mit zunehmender Modernisierung an Bedeutung. Dennoch liegt Alt wie Jung viel daran, ihre Traditionen zu wahren und nicht völlig aufzugeben. Hierzu zählt z.B. der swanetische Gesang, der auszusterben droht. Doch die Jungen geben ihr Bestes den Gesang von den Alten zu lernen und an die kommende Generation weiterzutragen. Eine Tradition, welche wohl nie aussterben wird, da sie bei Besuchern großen Zuspruch und Beliebheit findet, ist wohl die Supra…

 

 

U wie Unterführungskultur.

Unterführungskultur: In der Hauptstadt Georgiens gibt es viele Unterführungen, die einen langwierigen, komplizierten und gefährlichen Weg über mehrspurige Straßen vermeiden. Demenstprechend sind die Unterführungen oftmals sehr lange und haben viele Abzweigungen, je nachdem wohin man möchte. Da sehr viele Menschen diese Unterführungen passieren, bietet es sich für einen tüchtigen Geschäftsmenschen doch geradezu an dort einen Verkaufsstand (sei es in einer Räumlichkeit oder direkt auf dem Weg) aufzumachen oder Live-Musik anzubieten –die Akkustik ist hierfür jedenfalls ideal. So hört man schon von weitem -selbst wenn man noch nicht einmal die Treppe zur Unterführung passiert hat- die „Musik von unten“. Das macht gute Stimmung, da sich in den Unterführungen meist junge Menschen treffen mit vollem Equipment und einigen Gesangsbegleitungen. Vermutlich ergibt sich vieles auch sehr spontan. Durch das meist eher dunkle, trübe Licht wird dadurch eine besondere Atmosphäre erzeugt: Für einen kurzen Moment taucht man von der Welt „da oben“ ab in eine zweite surreale Unterwelt, in welcher sich das Leben plötzlich viel verruchter und aufregender anfühlt. Dies ist natürlich nicht in allen Unterführungen der Fall. So gibt es auch den Klassiker eines Untergrund-Basaris: Dort werden Verkaufsstände oder kleinen Läden voller Krusch angeboten. Damit die tapferen Verkäufer, die das Tageslicht dementsprechend rar bis gar nicht sehen, dort nicht verhungern, gibt es auch entsprechende Essensstände mit georgischen Backwaren. Das bietet sich natürlich auch für den hungrigen Passanten an.

Doch es findet sich nicht nur eine solche Unterführungskultur in der Hauptstadt. Auch gibt es verzwickte Unterführungen, die über mehrere Stockwerke hinwegführen, scheinbar keinen direkten Weg verfolgen und welchen mehrere Clubs und Restaurants etabliert sind. Natürlich trifft sich hier nicht die Schickeria. An solche Stellen sollte man insbesondere als Frau auf keinen Fall alleine gehen –denn der Männeranteil dort ist sehr hoch und nicht gerade im Stil des Gentleman. Am besten tut man darin, wenn man eine solche Unterführungskultur vermeidet und sich doch lieber über die mehrspurige Straße wagt…

 

 

Vwie Verwestlichung.

Verwestlichung: Nach all dem Ärger mit dem machtlüsternen Russland und dem Höhepunkt eines 5-Tage-Krieges 2008 ist es kein Wunder, dass die georgische Regierung mehr Sinn in einer zunehmenden Westorientierung sieht. Mit zwei autonomen georgischen Teilgebieten, die stets von der russischen Seite in allen erdenklichen Bereichen unterstützt werden, zielt die Zukunft Georgiens auf eine europäische Anbindung. Doch nicht nur die EU soll das Land in seiner Entwicklung unterstützen, auch die USA sollen das georgische Rückenmark stärken. Um diesen Traum wahr werden zu lassen, wurden unterschiedliche rechtliche Schritte eingeleitet: So soll als erste Fremdsprache in der Schule nicht mehr länger Russisch gelernt werden, sondern Englisch. Zu diesem Zwecke werden Native-Speaker aus englischsprachigen Ländern für ein Jahr nach Georgien geholt, um mit etwas Taschengeld in einer Familie untergebracht an einer georgischen Schule Englisch zu lehren. Auch finden sich in Supermärkten (vgl. Goodwill) immer weniger russische Produkte, da ein Im- und Exportstopp zwischen den beiden Ländern in Folge des Konfliktes 2008 stattfand. Deswegen müssen die Russen auf guten georgischen Wein und gutes georgisches Quellwasser verzichten, während in georgischen Supermärkten übermäßig viele (leider auch übermäßig teure) deutsche Produkte vorzufinden sind. Eine Kommunikation zwischen den beiden Ländern findet nur noch über die Schweiz statt, für die Konfliktbeilegung sorgt die nach Georgien entsandte zivile EU-Beobachterkommission „EUMM“ (European Monitoring Mission).

 

** Hintergrundinformation zum Kaukasuskonflikt 2008:

  • Bereits vor dem Zerfall der Sowjetunion strebten die beiden georgischen Gebiete Südossetien und Abchasien einen Autonomiestatus an. Ihre selbst zugeschriebene Eigenstaatlichkeit wird jedoch von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt.
  • Da Südossetien und Abchasien für Russland als „Nahes Ausland“ gelten, legt Russland besonderen Wert auf die dortige Sicherheit. Die Regionen werden finanziell, militärisch und personell von Russland unterstützt.
  • Die zunehmend stärker werdenden Beziehungen der USA und der EU zu Georgien und der Unterstützung des Landes für einen NATO-Beitritt führte zu einem Ausbau der russischen Beziehungen zu Südossetien. Gleichzeitig wurde Georgien militärisch von den USA unterstützt.
  • Der Kaukasuskrieg kann von der russischen Seite als Aktion gegen die amerikanische Ausdehnungspolitik verstanden werden, von georgischer Seite als Versuch, die territoriale Unversehrtheit des Landes zu wahren.                                                                            **

 

 

W wie Wasser.

Wasser: Georgien ist kein trockenes Land, obwohl es im Sommer von unglaublicher Hitze heimgesucht wird. Flüsse und Seen finden sich zu Genüge, was auch mit dem enormen Bergvorkommen zusammenhängt. Auch ist das Land für sein heilendes Quelwasser (beispielweise aus Borjomi) bekannt. Das hergestellte, georgische Trinkwasser wurde gerne in die Nachbarländer exportiert, im Zuge des Kaukasuskonfliktes 2008 jedoch nicht mehr länger nach Russland, dem womöglich größten Wasser-Abnehmer. Neben dem Quellwasser ist Georgien auch für seine Schwefelwasserquellen bekannt, welche für Thermal-Schwefelbäder aufgewendet werden. Diese sind sehr wohltuend und besonders empfehlenswert.

Neben solch sinnvollen Anwendungsgebieten wird das Wasservorkommen aber auch gut strapaziert und vor allem verschwendet. So sind insbesondere in den Städten die Wasserleitungen sehr defekt und äußerst reparierwürdig ausgebaut, was dazu führt, dass es teilweise nachts gar kein Wasser in bestimmten Stadtgebieten gibt, da dort gerade Wartungsarbeiten stattfinden, wohingegen in anderen Stadtgebieten das Wasser in den Toiletten oder Wasserhähnen durchläuft, sofern man diese nicht extra abklemmt. Allein durch das dauerhafte Tropfen der Wasserhähne in Küche und Bad lässt sich schon kanisterweise Wasser ansammeln, ganz zu schweigen von der Menge, die durch das fließende Toilettenwasser verloren geht. Das Sammeln des Wasserhahnwasser empfiehlt sich wirklich. Denn wenn nachts das Wasser wieder einmal abgestellt wurde, hätte man doch gerne noch Wasser zum manuellen Toilettenspülen, zum Zähneputzen oder je nach Bedarf auch zum Kochen. Trinken lässt sich das georgische Wasser für einen Besucher beispielsweise aus Deutschland wohl erst nach einiger Zeit –nämlich erst dann, wenn sich der Magen abgehärtet hat und das Schlimmste erst einmal überstanden wurde. Man sollte nichts überstürzen und in der ersten Zeit entweder auf das Wasser aus der Leitung verzichten oder aber es zumindest vor Gebrauch abkochen –zumindest wenn man gerne auf diverse Magen-Darm-Probleme und zig Toilettengänge (vielleicht auch ohne fließend Wasser…) verzichten möchte.

 

 

X, Y wie …

X oder auch ჯ ist ein Buchstabe im georgischen ABC, welcher wie ein „dsch“ ausgesprochen wird. Beispielhaft hierfür ist der Name des Quellwasser-Ortes Borჯomi, als „Bordschomi“.

 

Xerox: Findet sich lustigerweise in Georgien, in der Türkei und in Aserbaidschan. Nur eben je in anderen Schreibweisen und Aussprachen (z.B. Kseroks). Was das ist? Xerox ist ein Ort zum Drucken und Kopieren. Das kann auch nur ein Kämmerchen von 5 m2 einschließen. Das kann auch einen „Experten“ einschließen, der noch nie in seinem Leben etwas ausgedruckt hat und die hilfesuchend darum bittet, es selbst zu machen. However, hauptsache man hat am Ende die Dokumente, die man braucht.

 

Y oder auch ყ ist ebenfalls ein Buchstabe im georgischen ABC, dieser lässt sich jedoch nicht so einfach aussprechen. Hierfür braucht man ein trainiertes Sprachorgan oder ganz viel Gefühl im eigenen Kehlkopf. Niederschreiben lässt sich das Geräusch leider nicht, aber es hat etwas mit „ch“ zu tun –nur im Donald Duck-Style. Wer diesen Buchstaben ohne weitere Übung aussprechen und in den einzelnen Wörtern problemfrei anwenden kann, bekommt an dieser Stelle meinen tiefsten Respekt ausgesprochen. 😉

 

 

Z wie Zeit.

Zeit: Man weiß nicht warum, aber das Zeitgefühl ist in Georgien wesentlich anders als in Deutschland. Es fühlt sich richtig gut an. Denn man nimmt sich endlich mal Zeit für die Dinge, wenn auch nicht immer für die wesentlichen. Jedenfalls ganz nach dem Motto: Komm ich heut nicht, komm ich morgen. Man lässt sich treiben und fühlt regelrecht die Tage, die Stunden, die Minuten, die Sekunden –auch wenn man sie nicht explizit wahrnimmt, werden sie voll ausgekostet. Stress ist hier ein Fremdwort. Was viele Menschen in Deutschland hastig umherlaufen und quasi vor der Zeit wegrennen lässt, ist hier nicht vorfindbar. Einem Bus wird nicht hinterher gerannt. Man wartet entspannt auf den nächsten, auch wenn dieser erst 20 Minuten später kommt und man deswegen zu spät zur Arbeit kommen wird. Was soll’s. Sich unter Zeitdruck setzen lassen, gibt es nicht. Das lassen sich die Menschen nicht gefallen. Wozu auch? Es klappt auch alles mit etwas Verspätung. Verabredet man sich um 20 Uhr, dann kommt ein Georgier in der Regel nicht vor 20:30 Uhr. Auch in der Schule kann es vorkommen, dass Lehrer und Schüler erst 5 Minuten nach Unterrichtsbeginn erscheinen. Das verärgert niemanden. Denn das Leben funktioniert auch ohne feststrukturierten Zeitplan. Wie schön ein solches Zeitgefühl doch sein kann… 🙂

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: